Der Widerstand gegen die Blechlawinen über den Brenner nimmt zu. Tirol reagiert mit Fahrverboten und Blockabfertigungen auf den zunehmenden Lkw-Transit. Die Schiene könnte Straße, Umwelt und Anwohner entlasten. Allein Kombiverkehr wickelt jährlich 9.000 Züge über den Brenner ab und hält entsprechende Kapazitäten bereit. Doch auch im Schienenverkehr sind einige Herausforderungen im alpenquerenden Verkehr zu meistern. So stellt sich die Situation für Güterbahnen, Operateure und ihre Kunden dar.
Die Botschaft ist unmissverständlich: „Güter auf die Schiene statt Verkehrslawine“, steht in weißen Großbuchstaben auf einem lilafarbenen Transparent. Tausende Bürger machten am 30. Mai mobil und protestierten in Matrei am Brenner gegen die Verkehrs- und Transitbelastung der Region. Eine weitere Protestaktion folgte am 1. August am Fernpass. Damit waren zwei wichtige Achsen von Deutschland nach Tirol stundenlang blockiert.
Der Unmut der Anwohner über den zunehmenden Verkehr, Lärm und die Schadstoffbelastung wächst. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und fordern lautstark Abhilfe – neben einem wirksamen Lärmschutz eine höhere Lkw-Maut und eine gezielte Verlagerung auf die Schiene. Fakt ist: Die Straßen und Brückenbauwerke ächzen unter dem steigenden Schwerverkehr. Die in die Jahre gekommene Luegbrücke ist aus Sicherheitsgründen seit Januar 2025 meist nur noch einspurig befahrbar. Fast elf Millionen Autos und rund 2,5 Millionen Lkw zwängten sich 2025 durch das Tiroler Nadelöhr.
Im Spannungsfeld von Klimaschutz und den Interessen der Wirtschaft
Mit einer Vielzahl an Maßnahmen versucht die Tiroler Landesregierung, die Interessen von Umwelt, Bevölkerung und Wirtschaft in Einklang zu bringen. Einige davon sind in der Transport- und Logistikbranche besonders umstritten. Darunter fallen die Nachtfahr- und sektoralen Fahrverbote für bestimmte Güterarten, aber auch die Blockabfertigung am Grenzübergang. Die Tiroler Landesregierung verteidigt dieses Instrument. Sie spricht von Dosierungen, die den Lkw-Verkehr verlangsamen, um ihn flüssig zu halten. 30 Dosiertage hat sie für 2026 festgesetzt.
Vielen Logistikunternehmern sind die Tiroler Eingriffe ins Verkehrsgeschehen ein Dorn im Auge. Italien hat gegen die Lkw-Fahrverbote in Tirol geklagt und sieht sich nun in seiner Position bestärkt. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) steht zwar noch aus, doch zeichnet sich eine Entscheidung vielleicht schon ab: EuGH-Generalanwalt Manuel Campos Sánchez-Bordona erklärt in seinem Schlussantrag, dass er die Fahrverbote für rechtswidrig hält. Die umstrittene Blockabfertigung beanstandet er nicht. Die Tiroler Landesregierung würde diese zur Disposition stellen, sofern sie durch ein anderes Instrument abgelöst würde: ein Slotsystem für im Voraus buchbare Lkw-Bewegungen zwischen München und Verona.
Brennerbasistunnel soll Entlastung bringen: Eröffnung für 2032 geplant
Während es auf der Straße knirscht, die Brücken an ihr Limit kommen und der Unmut der Bevölkerung steigt, könnte die Schiene die erhoffte Entlastung bei den Transitverkehren bringen. Trotz aller Einschränkungen bei Straßentransporten über den Brenner hat die Schiene aktuell nur einen Anteil von 25 Prozent am Modal Split. Groß sind daher die Erwartungen an den Bau des Brennerbasistunnels (BBT), um eine spürbare Verlagerung von Verkehren auf die Schiene zu erreichen. Die längste unterirdische Bahnverbindung der Welt soll 2032 in Betrieb gehen und Innsbruck mit Franzensfeste in Südtirol verbinden. Seit August ist die westliche, 55 Kilometer lange Röhre, komplett ausgebrochen – ein Meilenstein für alle Beteiligten.
Nun kommt es darauf an, dass auch die Zulaufstrecken zügig ausgebaut werden, sonst bleiben die Kapazitäten des Systems begrenzt. Hier ist vor allem Deutschland im Hintertreffen. Die Republik hinkte bei den Planungen für eine Trasse lange hinterher. Im Juli nun teilte der Netzbetreiber DB InfraGO mit, dass die Vorplanung abgeschlossen und eine Vorzugstrasse ermittelt sei.
Unabhängig von den Neubaustrecken: Niemand muss auf die Fertigstellung des Großprojekts warten: Seit Jahr und Tag gibt es leistungsfähige Schienenangebote über den Brenner. Allein beim deutschen Intermodal-Spezialisten Kombiverkehr nutzen etwa 200 aktive Kunden die Verkehre auf dieser Magistrale. Rund 9.000 Züge wickelt Kombiverkehr jährlich ab, was rund 300.000 Ladeeinheiten entspricht. „Für Kombiverkehr ist der Brenner die wichtigste Alpenachse im Italienverkehr“, erläutert Geschäftsführer Dirk Steffes. Das Unternehmen aus Frankfurt bietet tägliche Abfahrten an, von einzelnen deutschen Terminals sogar mehrfach am Tag. Direktzüge nach Norditalien und zurück gibt es ab München, Nürnberg, Köln, Ludwigshafen, Hamburg, Hannover, Rostock und Lübeck. Neu hinzugekommen ist am 8. September eine Verbindung von Regensburg nach Verona. Weitere Regionen sind als Gateway-Verkehre angeschlossen – etwa die Chemieregion Leipzig, das Ruhrgebiet und die deutschen Ostseehäfen, womit Anschluss bis nach Nordeuropa besteht.
Kombinierter Verkehr als Antwort auf den Fahrermangel
Wer auf die Schiene setzt, kann die Lkw-Fahrverbote in Tirol umgehen. Er spart die wertvolle Ressource Fahrer-Arbeitszeit und entlastet vor allem Umwelt und Klima: Die CO2-Einsparung gegenüber dem reinen Straßentransport liegt bei rund 80 Prozent. Je länger die Strecke, desto mehr kommen diese Effekte zum Tragen: Für die Spedition Terratrans aus Bremen ist der Brenner die Hauptschlagader. „Norddeutschland–Oberitalien ist unser stärkster Verkehr, und der Kern läuft über die Schiene“, erläutert Geschäftsführer Arne Müller. Betrieblich schlage der KV auf dieser Distanz die Straße: eine Nacht auf dem Zug statt zwei Fahrerschichten, kein Lenkzeitproblem, keine Blockabfertigung, kein Wochenendfahrverbot. „Und ohne Schiene bekämen wir die Mengen fahrerseitig schlicht nicht mehr bewegt. Der KV ist bei uns auch eine Antwort auf den Fahrermangel, nicht nur auf die CO₂-Bilanz.“ Seit vier Jahrzehnten ist das Unternehmen im Intermodalverkehr tätig und befördert unter Plane ein breites Spektrum an Gütern – ob Getränke, Fliesen, Keramik, Baumarktbedarf, Chemikalien, Metall oder Stahl. Rund 15.000 Ladeeinheiten jährlich bewegt der Kombiverkehr-Kunde, der auch einen eigenen Company-Train von Bremen nach Verona betreibt.
Bei allen guten Argumenten für die Schiene: Ein Selbstläufer ist der Kombinierte Verkehr nicht. Eine Vielzahl an Baustellen beeinträchtigt die Qualität, führt zu Zugausfällen und Umwegverkehren und damit zu Unpünktlichkeit. Leidtragende sind die Spediteure, die eine fehlende Planbarkeit ihrer Schienenverkehre kritisieren und eine höhere Qualität anmahnen – auch im Interesse ihrer Kunden.

Internationale Spedition GmbH
Das Hauptproblem ist für Spediteur Müller die Engpasssituation: „Der Brenner ist nicht überlastet, weil zu viele Züge fahren. Er ist überlastet, weil zu wenige Gleise da sind“, erläutert er und macht das an folgenden Punkten fest: zweigleisige Bestandsstrecke, 25 Promille Steigung, drei Loks pro Zug und alles seit Jahren nahe der Kapazitätsgrenze. Baustellen erschweren nicht nur auf deutscher Seite den Betrieb: Von 18. Juli bis 2. August war die Brennerstrecke aufgrund einer Korridorsanierung gesperrt und nur jeder zweite Zug konnte über die deutlich längere Umleitungsstrecke via Tarvis gefahren werden.
Korridorsanierungen stellen Güterbahnen wie Spediteure vor Herausforderungen
Dass der alpenquerende Schienengüterverkehr Herausforderungen birgt, bestätigt Ruby van der Sluis, Geschäftsführerin des Eisenbahnverkehrsunternehmens (EVU) Lokomotion. Kurzfristige Baumaßnahmen erschwerten die Planungssicherheit für die Kunden und die Verlader, die am Endbahnhof auf ihre Ladung warten. Lokomotion befördert fast 10.000 Züge jährlich über den Brenner und ist nach eigenen Angaben der führende Traktionär auf der Achse München-Brenner-Norditalien. Besonders stark machen die in Deutschland laufenden Korridorsanierungen den EVU und Operateuren zu schaffen. Beispiel Nürnberg-Regensburg-Passau: Der erste Abschnitt ist fertig gestellt, der zweite dauert voraussichtlich noch bis Jahresende. Die Auswirkungen sind erheblich. Weil die Züge über München umgeleitet werden, ist die Strecke München-Rosenheim deutlich überlastet. Dies ist nur ein Beispiel von vielen während der Korridorsanierungen.
Mit großer Sorge blicken die Akteure im Schienengüterverkehr auf das nächste große Bauvorhaben, das ebenfalls Auswirkungen auf den alpenquerenden Verkehr haben wird. 2028 steht die Sanierung des Abschnitts München-Rosenheim an. Lokomotion legte beim Eisenbahn-Bundesamt erfolgreich Beschwerde gegen die geplante fünfmonatige Sperrung dieses Korridors ein. DB InfraGO erklärte sich daraufhin bereit, das Konzept zu überarbeiten. „Wir freuen uns, dass in den letzten Monaten eine Überarbeitung des Konzeptes stattgefunden hat“, erklärt Lokomotion-Chefin van der Sluis. „Klar ist jedoch, dass jede Art von Vollsperrung auf diesem TEN-Korridor massive wirtschaftliche Auswirkungen auf die Verkehre und auf uns als Unternehmen haben wird“, sagt sie und spricht sich dafür aus, dass bei jedem Baukonzept die Befahrbarkeit der Strecke gewährleistet bleibt.

Ist die Qualität auf der Schiene durch Baustellen beeinträchtigt, könnten Spediteure geneigt sein, wieder mehr auf der Straße zu verladen. Sowohl Lokomotion als auch Kombiverkehr berichten, dass Speditionen in der aktuellen Lage noch preissensibler sind. Kombiverkehr-Geschäftsführer Dirk Steffes fordert die Politik auf, mehr zu tun, um die Verlagerung zu forcieren beziehungsweise aktuell Speditionen im Intermodalverkehr zu halten. „Wir appellieren an sie, unter anderem die entstehenden Mehrkosten, die durch die Baumaßnahmen operativ auf Seiten der Spediteure entstehen, zu kompensieren“, sagt er. „Eine Mautbefreiung für den Kombinierten Verkehr wäre eine erste wichtige Kompensation mit schneller Wirkung“, so seine Überzeugung.
Zurück zum Korridor München-Rosenheim: Nach der überarbeiteten Planung von DB InfraGO soll die bayerische Achse in zwei Etappen saniert werden. Für 2031 ist die zweite Etappe geplant. Läuft alles nach Plan, wäre damit pünktlich zur Eröffnung des Brennerbasistunnels alles fertig. Das wäre für viele ein wichtiges Signal, auch in Richtung Tirol. Denn für die Nutzer der Schiene gilt derselbe Slogan wie für die Anwohner in Tirol: Güter auf die Schiene statt Verkehrslawine!
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